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Nie wieder als Indianer!?

In einigen Wochen ist es wieder so weit: in bunten Kostümen, farbenfrohem Make-Up und mit Masken verkleidet ziehen mehrere Tausende an Fasching umher, bereit den Beginn der Fastenzeit zu feiern. Für viele gilt dabei das Verkleiden als spaßigster und wohl auch markantester Teil, und so gibt es bereits jetzt verschiedenste Bekleidungen zu erwerben. Allerdings sind nicht alle dieser Kostüme unproblematisch. Betrachtet man zum Beispiel einige der populärsten Angebote online, so fällt sofort ein Trend auf: das „Indianerkleid“, die „Orient-Dame“ und der „Eskimo-Poncho“ sind nur drei von vielen Beispielen für Verkleidungen, die fremde Kulturen nachahmen. In vielen Fällen kann man dabei allerdings von einem Problem sprechen, das als „kulturelle Aneignung“ bezeichnet wird. Doch was ist eigentlich kulturelle Aneignung und was ist falsch daran, sich als Indianer zu verkleiden? 

 

Als kulturelle Aneignung – oder „cultural appropriation“, wie die häufig benutzte englische Übersetzung lautet – bezeichnet man die Übernahme verschiedener Aspekte fremder Kulturen. Dabei muss zwischen der kulturellen Aneignung, dem kulturellen Austausch und der kulturellen Assimilation (= Anpassung) unterschieden werden. Während es sich beim kulturellen Austausch um einen tatsächlichen, „fairen“ Austausch zwischen zwei gleichgestellten Kulturen handelt (etwa die Einführung des Tees aus China vor rund 400 Jahren), beziehen sich die kulturelle Aneignung und die kulturelle Assimilation auf eine ungleiche Stellung zwischen zwei Kulturgruppen. Kulturelle Assimilation ist demnach eine erzwungene Anpassung, der Angehörige von Minderheiten folgen müssen, um etwaige Diskriminierungen oder Benachteiligungen zu vermeiden. Ein aktuelles Beispiel hierfür stammt aus den USA: dort müssen zahlreiche dunkelhäutige Frauen regelmäßig ihre Haare glätten lassen, da ihre natürlichen Frisuren – zum Beispiel der Afro-Look – als unprofessionell gelten und von vielen Arbeitgebern unerwünscht sind. Sie sind also gezwungen, sich an „weiße“ Haarstile anzupassen. Kulturelle Aneignung ist der Gegenpart dazu: hier übernehmen also Angehörige der politisch und soziologisch „überlegenen“ Kultur – oft der Mehrheit – die Kultur der Minderheiten. Meist passiert dies, ohne dass die betroffene „angeeignete“ Kultur genügend gewürdigt bzw. überhaupt erst verstanden wird. 

 

Am auffälligsten ist dies in der Pop- und Modewelt. So geriet Gucci im Herbst 2018 unter Kritik, als sie ihre Models für eine Kollektion in Turbans kleideten, die als Symbol der Sikh-Religion gelten. Die Models trugen sie allerdings als eine Art Hut, womit die ursprüngliche Bedeutung – und damit auch die Kultur – verschleiert und der Turban zu einem Fashion-Item gemacht wird. Dass man Kleidung oder Frisuren, die eine hohe Stellung in einer Kultur oder Religion haben, übernimmt, ohne dem jeweiligen Kulturkreis anzugehören, ist in Hollywood keine Seltenheit. Ob Katy Perry in einem Geisha-Kostüm oder Justin Bieber mit Dreads: in den letzten Jahren wurden immer wieder verschiedene Stars für ihr Fehlverhalten kritisiert. Aber die kulturelle Aneignung betrifft nicht nur bekannte Persönlichkeiten und bezieht sich auch nicht nur auf Kleidung oder Haarstile. Die Übernahme von bestimmten Kunstgattungen (etwa die Nachahmung von Hip-Hop und R’n’B durch gewisse K-Pop-Bands), Sprachstilen und gar Verhaltensweisen (zum Beispiel der „Ghetto-Slang“) sind etwas, das von vielen Menschen heutzutage als normal empfunden oder gar nicht erst beachtet wird. So ist es wenig verwunderlich, dass man nicht bemerkt, wie beleidigend das „Indianerkleid“ eigentlich ist. Denn die Ureinwohner Amerikas haben viele verschiedene Kulturen und diese lassen sich nicht pauschal als „Indianer“ zusammenfassen. Mag man bei einem Ritter- oder Feenkostüm Unstimmigkeiten zu der  Realität verzeihen – Ritter gibt es heute schließlich nicht mehr und Feen sind Fantasiefiguren –, wird mit einem „Indianerkostüm“ eine ganze Reihe an Kulturen über einen Kamm geschert und auf wenige Merkmale, die hierzulande als „typisch“ gelten (zum Beispiel auf das Warbonnet, also die sogenannte Federhaube), beschränkt. Kurzum: es ist eine Reproduktion rassistischer Klischees, die weder der Wahrheit aus historischer Sicht noch der heutigen Situation entsprechen. 

 

Das soll nicht heißen, dass man überhaupt nichts mehr aus anderen Kulturen übernehmen darf; dies ist schließlich so gut wie unvermeidbar in der heutigen globalisierten Welt. Kultureller Austausch findet immer dort statt, wo verschiedene Kulturen aufeinander treffen und das ist hier in Bayern natürlich der Fall. Viel eher sollte man beim Umgang mit anderen Kulturen achtsam sein und sich vor Augen führen, inwieweit die eigene Vorstellung von einer fremden Kultur oder Religion tatsächlich der Wahrheit entspricht. Hilfreich kann auch die Frage sein, ob der übernommene Aspekt nicht als Beleidigung an die Angehörigen der Kultur angesehen werden kann – würde man zum Beispiel als Indianer verkleidet ohne Scham vor „echten“ Indianern stehen wollen? Wohl eher nicht.

~Wiktoria