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Artikel 5 des Grundgesetzes: "Eine Zensur findet nicht statt."

Stellen Sie sich vor, sie sehen, wie jemand gerade gefoltert wird. Er schreit, zuckt, bettelt. Und Sie sitzen nur da und schauen zu. Sie kommen der Person nicht zu Hilfe. Sie sind vielleicht sogar ein bisschen von der Gewalt fasziniert? Es ist ja nur ein Film - da gehört das dazu, um Spannung aufzubauen. Jetzt werden Ihnen die Bilder gestrichen – Sie hören nur noch die Folterszene. Kopfkino.

 

Das Oberstufentheater des Max-Born-Gymnasiums Germering hat dieses Jahr das Stück „Alice im Anderland“ von Stefan Altherr aufgeführt. Dieses Stück wurde für ein Schultheater geschrieben. Die Handlung kurz zusammengefasst: Alice wird einige Jahre nach ihrem wunderbaren Traum in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Sie leidet an einer multiplen Persönlichkeitsstörung infolge eines Brandes, in dem ihre Eltern starben. In der Anstalt sind weitere Patienten, zwei Ärzte und zwei Mitarbeiter der Nachtschicht. Die Nachtschicht, von den Patienten Herzbube und -königin genannt, lassen ihren Sadismus an den Insassen aus. Alice, ihre zweite Persönlichkeit Grinsekatze und die anderen Patienten vereinbaren, gegen die Nachtschicht vorzugehen. Der Plan geht schief, ein Patient wird zu Tode gefoltert und Alice will die Anstalt abfackeln.

Ziemlich psycho, oder? In der Inszenierung des MBGs hatte die Oberstufentheatergruppe die Gewaltszenen auf der Bühne verfremdet, lächerlich unrealistisch und übertrieben gespielt. Ziel der Verfremdung der Folterszene war es, Dramatik und Handlungsbogen zu erhalten, dabei den verstörenden Effekt zu begrenzen. Nach einem Handgemenge zwischen Alice und dem Herzbuben wird Alice zu Boden geschlagen und der Herzbube tritt noch einmal die wehrlose Alice. Im Anschluss wird eine Patientin mit Folter bestraft. Insgesamt eine atemberaubende Atmosphäre, spannungsgeladen und furchteinflößend. Beide Gewaltaktionen dienen dazu, den Spannungshöhepunkt in der Folgeszene noch verstörender und krasser wirken zu lassen: Hier erklärt Alice emotionslos, dass sie ihre Eltern umgebracht hätte und jetzt alle verbrennen werde und spielt dabei mit einem angezündeten Streichholz. 

 

Der Spannungshöhepunkt war scheinbar familienfreundlich, das Foltern und Nachtreten auf der Bühne aber nicht, sodass die Inszenierung der Theatergruppe zensiert wurde und die Aufführung nachträglich für die Klassenstufen 5-8 gesperrt wurde. Nach der ersten Aufführung wird die Folter von der Bühne gekippt und ins Kopfkino verschoben, und das Nachtreten untersagt. 

„Das Theater darf nicht danach beurteilt werden, ob es die Gewohnheiten seines Publikums befriedigt, sondern danach, ob es sie zu ändern vermag“ meint Brecht. Die Inszenierung hatte zum Ziel, das Publikum wachzurütteln. Wach waren nach der ersten Aufführung leider nur einige wenige Lehrer, die umgehend eine notwendige Zensur einforderten - Brecht wäre stolz. In diesen Menschen ging eine Veränderung vor sich! Nicht etwa besorgte Eltern, die Angst um den Geisteszustand ihrer Kinder hatten. Nicht etwa besorgte Schüler, die Angst um den Geisteszustand ihrer Eltern hatten. Wie konnte es passieren, dass nur Eltern und Schüler Stück und Inszenierung so missverstehen konnten und in ihrer Abgestumpftheit die psychischen Dimensionen nicht erfassten? Eindeutig machten sich Stück und Inszenierung über Patienten mit Nervenkrankheiten wie beispielsweise PTBS lustig und gaben somit Anlass für Zensur. 

Die Regisseurin, Frau Strödecke, hat die Theatergruppe gefordert, aus den Gewohnheiten des Denkens auszubrechen. Über Stück und Inszenierung wurde diskutiert und gestritten, die Themen wurden kontrovers aufbereitet und analysiert, Ursachen und Wirkungen wurden durch Spiel und Feedback erfahrbar gemacht, Erfahrungen und Ergebnisse wurden zu einer runden Inszenierung zusammengesetzt. Dieses Theater macht nicht Patienten lächerlich, sondern greift unter anderem ein System an, in welchem Ärzte aus Zeitmangel Medikamente verschreiben anstelle sich mit Patienten therapeutisch auseinanderzusetzen und hält der Gesellschaft den Spiegel vor, wie sie mit Nervenkrankheiten umgeht. Kann Pädagogik mehr leisten? 

 

Gewalt gehört einfach nicht auf die Bühne. Aber nachdem die Theatergruppen die letzten Jahre nur Regenbogen und Einhörner auf die Bühne gebracht haben, war diese heftige Reaktion natürlich voraussehbar. Letztes Jahr ging es im Theater um den Heimaturlaub einer älteren Dame, die ihren Freund aus Kindertagen wiedersehen will und ihrer alten Heimatstadt eine großzügige Spende geben möchte („Besuch der alten Dame“). Oder ein anderes Stück, in dem ein freundlicher Mann zwei Hausierern Obdach bietet und sich gut mit ihnen unterhält. Am Ende sitzen alle auch bei einem netten, kleinen Lagerfeuer zusammen („Biedermann und die Brandstifter“). Weiter, ein Stück, das um eine sehr schöne Gruppe mit super Zusammenhalt geht, der bis ins Unermessliche reicht, alles sehr gute Freunde, die zusammenhalten. Und diese Freundschaft erreicht auch andere, Außenstehende, damit sie auch Teil dieser tollen Gruppe sein können („Die Welle“). 

Die Welt, in der wir leben, ist ja nur Sonnenschein und Regenbogen. Deswegen bin ich der Meinung, wenn wir schon mit der Zensur von zu furchteinflößenden Szenen anfangen, sollten alle Themen, die über Tod und Gewalt sprechen, auch an der Schule verboten werden. Der Deutschunterricht: „Faust“, „Woyzeck“, „Der Sandmann“, „Emilia Galotti“, „Die Dreigroschenoper“, „Die Verwandlung“, „Die Leiden des jungen Werther“, „Effi Briest“, „Im Westen nichts Neues“. Alles verbieten. 

Im Geschichtsunterricht: Der Investiturstreit, der 30-jährige Krieg, die Französische Revolution, der 1. und 2. Weltkrieg, die Stasi in der DDR, der Holocaust. 

In Sozialkunde: Die soziale Ungerechtigkeit in der Bildung und im Einkommen, der Kolonialismus, die ständigen Streitigkeiten im Bundestag.

Im Religionsunterricht: Jesus Christus, alle Märtyrer, religiöse Verfolgung. 

Die Physik hat zur Atombombe geführt. Die Biologie ersäuft im Blut - Organe und Innereien, Krankheiten. Latein ist eine TOTE Sprache. Mathe: Da hat jeder mal Gewaltfantasien. Chemie erklärt das Feuer. In der Kunst werden Bilder von der Kreuzigung Jesu gezeigt. Musik: brutale Folter mit Zwölf-Ton-Musik. 

In fast jedem Schulfach werden Themen angesprochen, die nicht zu unserer Welt von Einhornkuschlern und Regenbogenreitern passen. Wir sollten einfach gar nichts mehr lesen, keine Nachrichten mehr anschauen, die Schule einfach ganz harmlos gestalten. Wäre das alles nicht viel besser?

 

Brecht betonte die Funktion des Theaters, den Betrachter zu Veränderungen aufzurütteln. In dem Sinne sollte auch die Schule ihre Anstaltsinsassen zu mündigen Bürgern erziehen? Zensur ist dabei immer das falsche Mittel. Bleibt mir, frei nach Oscar Wilde zu enden: „Das Stück war ein großer Erfolg. Nur [Teile des] Publikum[s sind] durchgefallen.“

 

~Lionel Keilhack